Nachdem mich „Das Feuerzeichen“ von Francesca Haig jetzt fast einen Monat lang „beschäftigt“ hat, ist die Rezension jetzt so etwas wie die Kür nach der Pflicht, zumindest fühlt es sich so an.

Vierhundert Jahre in der Zukunft: Durch eine nukleare Katastrophe wurde die Menschheit zurück ins Mittelalter katapultiert. Es ist eine Welt, in der nur noch Zwillinge geboren werden. Zwillinge, die so eng miteinander verbunden sind, dass sie ohne einander nicht überleben können. Allerdings hat immer einer von beiden einen Makel. Diese sogenannten Omegas werden gebrandmarkt und verstoßen.

Es ist die Welt der jungen Cass, die selbst eine Omega ist, weil sie das zweite Gesicht besitzt. Während sie Verbannung, Armut und Demütigung erdulden muss, macht ihr Zwillingsbruder Zach Karriere in der Politik. Cass kann und will diese Ungerechtigkeit nicht länger ertragen und beschließt zu kämpfen. Für Freiheit. Für Gerechtigkeit. Für eine Welt, in der niemand mehr ausgegrenzt wird. Doch die Rebellion hat ihren Preis, denn sollte Zach dabei sterben, kostet das auch Cass das Leben …

„“Die Explosion hatte die Zeit zerspringen lassen und sie in Sekundenschnelle unwiederbringlich in ein Vorher und ein Nachher gespalten. Jetzt, Hunderte Jahre später, im Nachher, gab es keine Überlebenden und keine Zeugen mehr.“

Eigentlich ist es ein neuer Rekord. Noch nie habe ich für ein Buch mit 480 Seiten einen ganzen Monat gebraucht. Die meisten Bücher hätte ich in der ersten Woche abgebrochen, für zu langsam und den Schreibstil für zu anstrengend befunden, aber bei Feuerzeichen habe ich das nicht gemacht. Denn die Welt, die Handlung und manche Charakteren konnten mich richtig begeistern. Nur der Schreibstil von Francesca Haig hat den Lesefluss arg ausgebremst.

Was genau den postapokalyptischen Zustand herbei geführt hat, der in „Das Feuerzeichen“ herrscht, wird nie richtig beschrieben. Es ist immer nur die Rede von einer großen Explosion, dem Ausfall aller Technologie, großen Feuern und einem gefärbten Himmel. Da diese Explosion noch viele Generationen später Mutationen an Kindern hervorruft, würde ich mal auf ein „Fallout“ tippen. (Und jetzt wo ich das geschrieben habe, lese ich im Klappentext von einer „nuklearen Katastrophe“… naja, wenigstens habe ich recht 😉 ).

Aber eigentlich ist es auch egal. Das Besondere in dieser Welt ist, dass Kinder immer als Zwillinge geboren werden. Ein guter Zwilling, der Alpha, der rundum gesund und normal ist. Und ein „böser“ Zwilling, der Omega, bei dem immer irgendetwas nicht perfekt ist und den Menschen Angst macht. Cass, die Hauptfigur, ist Seherin. Einer andere Hauptperson fehlt ein Arm. Die Omegas werden gebrandmarkt und verstoßen, wie man das mit verseuchtem Müll eben macht. Wäre da nicht die Krux an der Sache: denn Zwillinge sind miteinander verbunden. Wird der Omega krank, wird auch der Alpha krank. Stirbt der Omega, stirbt auch der Alpha.

Die tolle Idee der Alphas: sie sperren die Omegas weg, halten sie in kleinen Gefängniszellen, ohne Freigang, ohne Kontakt, damit nichts passieren kann. Natürlich lässt Cass sich das von ihrem Zwillingsbruder nicht gefallen, bricht aus, schließt sich einer Revolution der Omegas an. Ergebnis: Chaos.

Diese richtig starke Idee setzt die Autorin rein von der Handlung her richtig gut um. Wenn es eine Zeit gibt, in die eine Geschichte über Ausgrenzung, unsinnige Kämpfe, Flucht, Freiheit und Gerechtigkeit gut hineinpasst, dann ist das unsere Zeit genau jetzt. Selten passt ein Fantasy/Science Fiction Buch so gut in das Jahr, in dem es erscheint. Dabei geht Francesca Haig mit dem Thema vorsichtig um, verschleiert aber auch nichts. Ich hätte mir etwas mehr Einblick in die Seite der Alphas gewünscht, aber mit Cass auf der Flucht zu sein hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Auch dass endlich mal nicht alles perfekt sein muss, fand ich eine sehr mutige Idee. Charaktere denen Körperteile fehlen, oder die sonst irgendwie beeinträchtigt sind, sieht man viel zu selten in Büchern und wenn ist die Umsetzung immer ziemlich schwach. Francesca Haig zeigt, dass auch solche Menschen menschlich sind, und genauso stark und mutig sein können wie die 08/15 Figuren aus anderen Büchern. In „Das Feuerzeichen“ ist es einfach normal, wenn jemand nur einen Arm hat, oder eine Beinprothese, oder, oder… dafür meinen Respekt an Francesca Haig.

Leider waren dafür die Hauptfiguren einfach nicht so stark wie ich sie mir gewünscht hätte. Gerade Cass ist ein sehr verschlossener Charakter, sie lässt sogar den Leser nicht an sich ran, auch nicht richtig an ihre Gefühle. Das ist als Ich-Erzähler natürlich etwas enttäuschend für den Leser. (Die kleine Liebesgeschichte kam daher für mich auch völlig überraschend und irgendwie unpassend. Aber ich möchte nicht spoilern…)

Generell waren die „Hauptfiguren“ mit denen man so unterwegs ist allesamt sehr durchsichtig. Einer richtigen Charakterentwicklung durfte man nicht folgen, man wurde mit dem veränderten Charakter in den Situationen einfach überrascht, so als hätte er/sie in einer Torte gesteckt und springt dann im richtigen Moment heraus um den Tag zu retten. Nur die „Bösewichte“ fand ich super spannend, weswegen ich mir gewünscht hätte (wie oben schon erwähnt), mehr von den Alphas sehen zu dürfen. (Vielleicht in der Fortsetzung? Bitte!)

Im krassen Gegensatz zu dem was bei den Charakteren an Erzählung fehlt, benutzt Francesca Haig unfassbar viele Worte um Situationen und Umgebungen zu beschreiben. Manchmal so extrem, dass die Handlung über ein oder zwei Seiten ganz zum Stillstand kommt, weil man sich die Umgebung genauer ansieht. Das bremst stark, und war auch mein allergrößtes Problem an „Das Feuerzeichen“. Ich weiß, dass es viele Leser gibt die an so etwas Spaß haben, vor allem in einer sehr interessanten Welt wie bei „Das Feuerzeichen“, aber mich stört das einfach zu sehr im Lesefluss. Meistens kam ich an einem Abend über ein Kapitel nicht heraus, einfach weil der Schreibstil für mich so anstrengend ist und müde macht.

Da spricht es doch für das Buch, die Figuren, das „Worldbuilding“ und die Handlung, dass ich trotzdem den ganzen Monat drangeblieben bin. Denn es lohnt sich, das verspreche ich euch. Und nach dem Ende, werde ich auch das zweite Buch lesen, weil ich unbedingt wissen will, wie es weitergeht.

„Erschöpft dich das nicht manchmal? Dass du niemandem vertrauen kannst?“

p.s.: auf Kates Leselounge gibt es noch eine tolle Rezension zu dem Buch.

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Meine Bewertung: 3/5

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