„Über meinen Schatten“ von Thomas Morgenstern

Nov 18, 2015 | 5 von 5, Bücher, Rezensionen | 0 Kommentare

„Nur eines weißt du in diesem Moment ganz genau: dass es gleich verdammt wehtun wird.“

Eher selten rezensiere ich „Sachbücher“, außer zu bestimmten Anlässen oder Themen, die mich mit dem ganzen Herzen begeistern. Ein solches Thema ist das Skispringen, doch jetzt nicht gleich wegrennen, in dem Buch dass ich euch ans Herz legen möchte, geht es nicht um den Sport. Nicht wirklich. Es geht um eine starke Person, die nach einem harten Fall (Sturz kann man es kaum nennen) wieder aufgestanden ist, über seinen Schatten springen musste, und am Ende eine schwere Entscheidung getroffen hat. Quasi wie ein Roman also, nur so nahe am Leben, das es garantiert berührt.

„Als Leistungssportler ist es Thomas Morgenstern gewohnt, ständig von allen Seiten evaluiert zu werden: von den Zusehern und Fans, von der Presse, Trainern und seinem Team. Thomas Morgensterns gnadenlosester Kritiker aber ist Thomas Morgenstern.

Offen, sympathisch und direkt lässt der Ausnahmesportler den Leser an dem Dialog teilhaben, der sich nach seinem schweren Sturz in seinem Kopf abspielt, dabei abwechselnd sachliche Diskussion und mal lautstarker Streit ist. Es geht um die Zerrissenheit zwischen Ehrgeiz, Siegeswillen und Erschöpfung, um den Wunsch nach Selbstbestimmung und um die Angst, es alleine nicht zu schaffen. Da kämpfen zwei Persönlichkeiten miteinander – ein Teil will weiter nach oben, noch mehr erreichen, nie aufgeben, der andere Teil will sich zurückziehen und Ruhe finden.“

Selbst falsche Entscheidungen sind besser als keine. Denn aus ihnen kann man lernen. Nicht getroffene Entscheidungen sind nichts anderes als eine Flucht ohne Ziel.
Dieses Wochenende (21.11.2015) geht es wieder los. Auftakt des Skisprung Weltcups der Männer. Und wie jedes Jahr frage ich mich, wo diese Jungs den Mut hernehmen, bei Wind und Wetter hunderte von Metern durch die Luft zu fliegen. Sich auf den dünnen Balken zu setzen und den zwei Holzbrettern an den Füßen und sich selbst zu vertrauen, dass nichts schief gehen wird. Aber noch viel Eindrucksvoller: auch nachdem was schief geht, nachdem man gestürzt ist und sich schwer verletzt hat, wieder aufzustehen und es nochmal zu tun.

Ein Paradebeispiel für dieses Verhalten und die Person, die mich die letzten Jahre am meisten beeindruckt hat, ist Thomas Morgenstern. Er ist oft gestürzt, auch sehr schwer gestürzt, und doch immer wieder aufgestanden. Hat mit gebrochenen Fingern aber Daumen nach oben in die Kamera gelächelt und ist wieder gesprungen. Sogar eine Silbermedaille bei Olympia geholt.

Als normal Mensch fragt man sich da, wie macht er das so „einfach“? Einfach wieder aufstehen, Schnee abklopfen und es nochmal versuchen. Aber so „einfach“ wie man das im Fernsehen sieht ist das gar nicht. Denn was nach seinem schwersten Sturz im Januar 2014 passiert ist, und vor allem in ihm vorgegangen ist, beschreibt Thomas Morgenstern in Form eines Tagebuchs in „Über meinen Schatten“. Und das ist wirklich, wirklich lesenswert.

aus Thomas Morgensterns Blog:

Ich habe beschlossen auf meine innere Stimme zu hören und einen Schlussstrich zu ziehen. Ich bin Vater einer wundervollen Tochter und Teil einer wundervollen Familie. Ich trage auch Verantwortung über diese Menschen. Ich habe alle meine sportlichen Ziele erreicht und meine Träume verwirklicht. Mit meinem letzten Sprung habe ich mit dem Team die Silbermedaille in Sochi geholt. Für mich ist der Moment gekommen, um dieses Kapitel abzuschließen.
Wenn ich nichts preisgeben würde, schreiben sie, was sie sich denken, haben sie mir angekündigt. Und das haben sie auch getan. […] Der „Held ohne Herz“ wurde erschaffen.

Ich habe extra die Buchbeschreibung oben etwas verkürzt, da das was der Verlag da noch so schreibt das Buch als etwas darstellt, was es meiner Meinung nach nicht ist. Da werden die Diskussionen in der Boulevardpresse erwähnt, und Depression, Angst, die Fragen… alles hört sich sehr düster an.

Thomas Morgenstern ist aber kein düsterer Mensch. Auch der, der nach dem Sturz in dem Buch seine Gedanken aufschreibt. Man merkt immer wieder das er ein sehr lustiger Mensch ist, ein lebensfroher Mensch, auch wenn er mit schwierigen Fragen, mit sich selbst und der Welt zu kämpfen hat. Auch wenn er teilweise im Buch erschreckend ehrlich ist, bringt seine Art Situationen zu beschreiben etwas Leichtigkeit in ein Buch, das ansonsten schwere Kost gewesen wäre.

„Offenbar habe ich etwas von einem Regenwurm. Der stirbt auch nicht, wenn man ihn teilt. Also – weitermachen mit der „Regenwurmheilung“.
Das Buch ermöglicht einen kleinen Einblick, in das was Hinter den Kulissen beim Skispringen so vor sich geht, ist aber auch für nicht Skisprung Interessierte sehr lesenswert. Denn irgendwie liest es sich auch einfach wie ein Roman mit einem ganz besonderen, sympathischen Helden, der nach einem besonders schwierigen Ereignis wieder aufsteht und mutig versucht, trotz aller Hindernisse, einen Weg zurück zu finden. Und den dann auch irgendwie findet, den Weg der für ihn selber der Richtige ist.
Ich – weg, alle anderen – noch da.

Danke lieber Thomas, dass du die Geschichte so offen mit uns geteilt hast. Schade, dass ich dich nicht mehr springen sehen werde, du wirst uns auf der Schanze fehlen!

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Meine Bewertung: 5/5

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